Parodontale Erkrankungen bei Hund und Katze mit Auswirkungen auf Herz-, Nieren- und Lebergesundheit
Parodontale Erkrankungen sind chronische bakterielle Entzündungen des Zahnhalteapparates und gehören zu den häufigsten chronischen Erkrankungen bei Hund und Katze. Bereits bei jungen erwachsenen Tieren finden sich häufig Gingivitis (Zahnfleischentzündung) und beginnende Parodontitis (bakterielle Entzündung des Zahnhalteapparates). Neben den lokalen Folgen in der Maulhöhle können chronische Entzündungen auch systemische Auswirkungen haben.
Entstehung
Ausgangspunkt ist die bakterielle Plaque auf der Zahnoberfläche. Wird diese nicht regelmäßig entfernt, mineralisiert sie zu Zahnstein. Die Bakterien und ihre Stoffwechselprodukte führen zunächst zu einer Gingivitis und später zur Zerstörung von:
- Gingiva (Zahnfleisch)
- Desmodont (dünne Bindegewebsschicht, die die Zahnwurzel im Kiefer verankert und den Zahn mit dem Knochen verbindet)
- Alveolarknochen (Knochenteil des Ober- und Unterkiefers, der die Zahnfächer bildet)
- Wurzelzement
Es entstehen parodontale Taschen, in denen sich große Mengen pathogener Bakterien ansiedeln.
Lokale Folgen
Hund
- Gingivitis
- Parodontitis
- Zahnlockerung
- Zahnverlust
- Oronasale Fisteln (krankhafte, offene Verbindung zwischen der Maulhöhle und der Nasenhöhle) besonders beim kleinen Hund
- Kieferfrakturen bei schwerer Parodontitis
Katze
- Gingivitis
- Parodontitis
- Stomatitis-Komplexe (verschiedene, teils sehr schmerzhafte Entzündungen der Maulschleimhaut)
- Zahnverlust
- Schmerzen und Fressunlust

Normal Anatomy: gesunder Zahn
Stage 1: Plaque und Zahnfleischentzündung
Stage 2: frühe Parodontitis, Zahnstein, Knochenschäden, Schäden am Zahnhalteapparat
Stage 3: mittelgradige Parodontitis, fortgeschrittene Zerstörung des Zahnhalteapparates
Stage 4: hochgradige Paradontitis, mögliche Abszessbildung und Zahnverlust
Die Parodontitis (von altgriechisch παρά para „neben“, ὀδούς odous „Zahn“ und -itis „Entzündung“) ist eine chronische, multifaktorielle, entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparates (Parodontium).
Folgeerkrankungen chronischer Parodontitis
Systemische Auswirkungen
Durch die chronische Entzündung und wiederkehrende Bakteriämien können Bakterien und Entzündungsmediatoren in den Blutkreislauf gelangen.
Herz
Bei Hunden wurde ein Zusammenhang zwischen schwerer Parodontitis und degenerativen Herzklappenerkrankungen diskutiert.
Mögliche Mechanismen:
- wiederholte Bakteriämien (lebende Bakterien im Blutkreislauf)
- chronische systemische Entzündung
- bakterielle Besiedelung vorgeschädigter Herzklappen
Besonders relevant:
- bakterielle Endokarditis (Entzündung der Herzinnenhaut, welche die Herzhöhlen auskleidet und die Herzklappen bildet)
- mögliche Beschleunigung bestehender Klappenerkrankungen
Ein direkter kausaler Zusammenhang ist nicht in allen Studien eindeutig bewiesen, die Evidenz für eine Assoziation gilt jedoch als relativ stark.
Nieren
Für die Niere existiert die überzeugendste Evidenz.
Mögliche Mechanismen:
- chronische Entzündungsmediatoren
- Immunkomplexablagerungen
- endotheliale Schädigung (dünne, einschichtige Zellschicht, die das Innere aller Blutgefäße, Lymphgefäße und des Herzens auskleidet)
- wiederkehrende Bakteriämien (lebende Bakterien im Blutkreislauf)
Histopathologisch (mikroskopisch) wurden bei Hunden mit schwerer Parodontitis häufiger gefunden:
- Glomerulonephritis (beidseitige Entzündung der Nierenkörperchen, mikroskopisch kleine Filterstrukturen für die Reinigung des Blutes)
- interstitielle Nephritis (Entzündung des Stützgewebes)
- tubuläre Degeneration (strukturelle Schädigung der Nierenkanälchen)
Chronische Parodontitis gilt als möglicher Risikofaktor für die Entwicklung oder Verschlechterung einer chronischen Nierenerkrankung.
Leber
Die Leber filtert bakterielle Bestandteile und Entzündungsprodukte aus dem Pfortader- und Systemkreislauf.
Mögliche Folgen:
- chronische Hepatitis
- periportale Entzündungen (Gallengänge, Pfortaderäste und Leberarterien)
- erhöhte Leberenzyme
Bei Hunden mit schwerer Parodontitis wurden häufiger entzündliche Veränderungen der Leber beschrieben.
Der Zusammenhang erscheint biologisch plausibel, ist jedoch weniger gut belegt als für die Niere.
Weitere mögliche Auswirkungen
Diskutiert werden außerdem Zusammenhänge mit:
- Insulinresistenz
- chronischen Entzündungszuständen
- Veränderungen des Immunsystems
- verminderter Lebensqualität
- Gewichtsverlust
- Schmerzen und Verhaltensänderungen

Bedeutung für die Praxis
Für Tierhalter ist oft wichtig zu verstehen, dass Zahnstein nicht nur ein kosmetisches Problem darstellt.
Eine unbehandelte Parodontitis kann:
- chronische Schmerzen verursachen,
- zu Zahnverlust führen,
- die Nahrungsaufnahme beeinträchtigen,
- möglicherweise Herz, Nieren und Leber zusätzlich belasten.
Regelmäßige Zahnsanierungen, professionelle Zahnreinigungen und häusliche Zahnpflege stellen deshalb einen wichtigen Bestandteil der Präventivmedizin bei Hund und Katze dar.
Merksatz für Tierhalter
„Eine Parodontitis ist nicht nur eine Erkrankung des Mauls. Die chronische bakterielle Entzündung kann den gesamten Organismus belasten und steht insbesondere mit Veränderungen an Herz, Nieren und Leber in Zusammenhang.“


